„Du kannst nicht glauben wie ich,“ sagte sie. „Denn du zweifelst gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht mehr.“
Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, daß ihr vielleicht viel Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht hauptsächlich in der Hoffnung gethan, daß mich gerade dieses Suchen schließlich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie. Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer weder annehmen noch verwerfen konnte.
Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem, und als wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging. Aber, als sie mir diese Worte sagte: „Du zweifelst gleichzeitig, ob es auch möglich sei,“ da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.
„Ich will, daß Du es einmal erfährst,“ sagte ich. „Es sind nun seither Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt. Nie habe ich gewollt, daß Du etwas in Dir um meinetwillen verändern solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.“
Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne Vergangenheit.
„Ich glaubte, Du wolltest, daß ich werden sollte wie Du,“ sagte sie.
„Nie,“ antwortete ich, „nie habe ich etwas derartiges gewünscht. Ich wollte mit Dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können. Aber ich wünschte, daß Du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es vermißt, daß Du es nicht gethan hast.“
Ich sah, daß in all dem etwas enthalten war, das sie quälte, mehr als Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.
„Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir ähnlich haben,“ sagte sie.
„Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich nicht mit Dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.“