Das Letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.

„Wie habe ich Dich so mißverstehen können?“ sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die Augen und fragte:

„Du bist nicht böse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?“

„Böse?“

Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen, wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber nicht aus Kummer.

Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken, daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Thüre des kleinen Gemaches geöffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten. Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so nahe gekommen war wie jetzt.

8.

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich früher gefürchtet hatte? Man könnte ebenso wohl fragen, warum geschieht nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten. Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen, uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen. Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.