Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen, wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe. Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem sie gleichsam gelähmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging. Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst trachtete. So tief liebten wir uns, daß Keines von uns den Traum aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen übereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das Einsamkeit heißt. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte sie mein Bemühen sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal für möglich hielt, daß irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem, was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Uebermenschliche versucht; sie läßt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die Nacht des Orkus zurücksinke.

9.

Der Frühling kam spät in diesem Jahr; der Frühling, auf den ich wie auf den Glücksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige der Bäume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen thürmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich führend.

Zu dieser Zeit kam eine Erkältung hinzu und warf meine Frau wieder auf das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen Wochen hatten wir das Schlimmste gefürchtet. Wieder war es still geworden in den Räumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedämpft worden, und wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen gemacht.

Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die Genesung vor, und gering waren die Kräfte. Ueber alle Beschreibung seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte erwarten können. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß saß und das ganze Haus zur Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Träume vom Sommer zu träumen.

Und das Wunderbarste von allem! Ich träumte sie bald nicht allein. Als hätte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als bloß die Rückkehr zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die die Versöhnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schließen schien. Meine Frau begann meine Träume zu theilen, sie begann sich darnach zu sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber sie konnte doch hören, was ich ihr sagte. Sie wußte, daß der Frühling kam, und sie freute sich über die Frühlingsblumen, die auf ihrem Nachttischchen standen.

„Wie glücklich sind wir gewesen, Georg,“ sagte sie. „Wie glücklich sind wir gewesen.“

Sie preßte diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie schloß die Augen, indem sie sie aussprach, und Thränen rieselten unter ihren Lidern hervor.