10.
Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glücklich zu machen und selbst zu fühlen, wie wir uns freuten, daß sie wieder dem Leben angehörte.
Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand außer uns sie sah, wie gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was gewesen, aus meinem Gedächtnis auszulöschen! Im Vergleich zu ihrem stummen Glück war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir früher erlebt, für nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und größer war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen könnte. Diese Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und Mißtrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mißtraut, ihrer Liebe mißtraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben führen lassen wollte, um mit mir zu leben.
Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fühlte es in jedem Augenblick, den ich an ihrer Seite saß, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war, als hätte die Krankheit mit allem in ihr aufgeräumt und als wäre sie durch dieselbe gereinigt und geläutert wiedergekehrt. Ihre ganze Persönlichkeit kehrte zurück, und stundenlang konnte ich dasitzen und mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie früher.
„Weißt Du noch, wie ich Dir sagte, daß wir uns trennen sollten?“ sagte sie eines Tages.
Ich mußte nachdenken, um mich daran erinnern zu können, daß sie es je gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, daß ich ihre Worte vergessen hätte, wie man die einer Fieberkranken vergißt.
„Ich meinte, was ich sagte,“ fuhr sie eifrig fort. „Ich glaubte, Du wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mußt auch wissen, daß ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als daß ich an etwas anderes als mich selbst hätte denken können. Ach, es ist, als wäre ich wieder aufgewacht!“
Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb glücklichen Gebärde. Und sie fügte hinzu:
„Aber wenn ich einmal sterbe, dann mußt Du zu Svens Kommode gehen. Da zu oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht früher lesen. Denn ich weiß, daß ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich ganz wie Sven sterben.“
Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hören, und wie oft haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt gingen sie so spurlos an mir vorüber, als wären sie gar nicht ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr gewesen ist. Ich lächelte in der Siegesgewißheit, daß ich sie wieder errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in die Augen und sagte: