„Aber jetzt willst Du ja leben?“

„Ja,“ sagte sie. „Ich will leben für Dich und für die Knaben und um Sven niemals zu vergessen.“

An diesem Tage ging sie an meinem Arm über den Kiesweg vor der Villa. Ihre Schritte waren müde und unsicher, und sie stützte sich schwer auf meinen Arm, aber wir waren vergnügt wie zwei Kinder, und sie lachte über sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, daß ihre Beine unter ihr zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas kränklichen, aber so innig glücklichen Lachen, daß es mich froh machte, sie stützen zu dürfen.

„Wie glücklich bin ich jetzt wieder, Georg,“ sagte sie, als wir wieder ins Haus gingen. „Und Du mußt es auch werden.“

Dann führte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange mit mir und sah alles an, als wäre es für sie während der Zeit, in der sie krank gelegen war, neu geworden.

„Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt,“ sagte sie. „Ich war ja zu nichts fähig. Aber jetzt wird es besser gehen.“

Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dünnen, schwachen Stimme, so verschieden von ihrer früheren tiefen und vollen, daß sie hereinkämen und erzählten, was sie draußen gemacht und womit sie sich vergnügt hätten. Das thaten sie auch so gründlich, daß ich mehr als einmal versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und während sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah ihre Gesichter an und hörte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um zu verstehen, daß das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein Trugbild. Dann ließ sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtkuß zu geben.

„Jetzt werde ich bald gesund,“ sagte sie. „Und wenn der Sommer kommt, dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schären. Ich brauche sie nicht zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut für uns Alle ein.“

Mit einem leisen, glücklichen Lächeln schloß sie die Augen und legte sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben Kiesweg auf und nieder, über den meine Frau und ich eben gewandert waren. Es war ein ruhiger, klarer Frühlingsabend mit leichtem Nachtfrost.

11.