„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder nie geboren. Wenn ich doch ruhig einschlafen könnte und nie wieder aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel stehen und den Leuten etwas vorlügen!“
„Lügen?“
Sie sah ihn voll Spannung an.
„Glauben Sie denn nicht?“
„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt. Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“
Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht predigen.“
„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“
Sie wurde immer eifriger.
„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie, daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“
Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos. Wie alles so einfach war für sie! Entweder — oder! Sie wußte nichts von Nebenwegen.