„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie, ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘ Aber, du lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“
Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er. „Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“
Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre — ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog seine Hand zurück und ging nach der Tür.
„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte er.
„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen wird!“
Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt.
„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“
„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken gelehrt hat — Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“
Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt sie denn so fest?“ fragte er dann.