„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht. „Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“
„Was sagen Sie da?“
Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm jetzt nicht helfen.
Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie.
„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“
Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“
Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?
Er wußte es nicht.