Vierzehntes Kapitel

D

Der Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der Kanzel herab.

Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach, daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte, da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.

Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt, wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen, daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.

Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater, den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich, wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam die Familie wieder ins rechte Geleise. Die alten Traditionen würden wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte. Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein Seufzer über sein eigenes Leben.

Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!

Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem Sohn dachte.

Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß, die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen. Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.