Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig. Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König, die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang, seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.
Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der Bischof und ging in die Sakristei.
Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann, hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er später von Gottes Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat hohe Anforderungen — in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden, sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich, daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!
Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt gefallen habe.
Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch, den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.
Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als sie ihren Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch nicht reden konnte wie ein Buch.
„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute gehört haben!“
Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen voraus.
Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie konnte; aber ihr danken — das war unmöglich.