Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern, die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter, freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter vier Augen.

Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der durchdringend auf ihm ruhte.

„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof. „Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“

Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern aufforderte, Platz zu nehmen.

„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er, „die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden. Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit — man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche, zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit, wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde, weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft verleiht.“

Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen Mißtrauens.

Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das Haupt. Und der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort — irgendwohin, wo er sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.

Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.

„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“