So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können; und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen Haus ein und aus. Es war seltsam — sooft der Professor von der Sache anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser heiklen Geschichte machen würde.
Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte. Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.
Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.
„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“
Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle, die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging. Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.
Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den Arm.
„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich heut’ mit dir sprechen muß.“
Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.
„Gott, Abel, was ist denn?“
„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“