Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig „weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte über die ganze Geschichte bloß gelacht.
Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“
Sechzehntes Kapitel
E
Es war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.
Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können. Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte, daß er es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß damit in Zusammenhang.
Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.
Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte, schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben, wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen wird“.
Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte, ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern ein Echo fand.
Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt, wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit, daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.