So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er sehnte sich danach, endlich wegzukommen von allem, von der Stadt, der Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.
Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen, Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den Platz vor der Kirche.
Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung und Befreiung.
Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung, vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen. Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem andern gemein hatte.
Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben, das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.
Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und lehnte sich in den Wagen zurück.
Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens, die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen, die Gegend, durch die sie fuhren — alles gab ihm ein großes, fast unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen. Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.
Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen, mit dem Propst von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu kosten bekam.
Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der eine nichts von der Gegenwart des andern.
„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.