„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.
Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige Minuten! Wenn sie vorüber waren, so würden sie dort sein. Er erinnerte sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei. Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.
„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.
Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen. Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in Sollösa!“
Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.
„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“
Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch größer.
„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten Sie doch ein!“
Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.
Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus, eine Stille, die aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete. Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im Stall standen.