Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung, waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie auf den Propst warteten.
Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins schweigende Land hinausrufen ließ.
Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten. Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um sie her spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte.
Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle, die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder, hustender Stimme:
„Heilig! heilig! heilig!“
Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn.
Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten.
Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die Verstorbenen betete, der Küster neben ihm, schlug der Blitz in die Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt.
Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten bleiben mußte für Gottes Reich.
Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift. Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche.