Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand.

„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte, während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen; und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte, etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus, seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“

Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht, schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das kann ich dir versichern!“

„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt.

„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute zum Wagenfenster hinaus.

Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich. Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste Versuch, auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe mochte der Adjunkt gar nicht denken.

Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen, Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder für sie leiden will.

Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald, durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines Bergwassers.

Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft, der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und schwellenden Knospen — all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte, was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können. Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang ihm fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens war, aussprach.