Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“
„Wir kennen einander nicht?“
Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war.
Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber seine Stimme zitterte nur noch heftiger.
„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie nur schwieg und sich fügte.“
Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen, und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu gestikulieren.
„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu? Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen Rücken über die Bücher zu beugen?“
Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag.
„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört, statt daß sie mich leben gelehrt haben. Sie haben meinen Kopf mit unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster, die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben narren lassen von ihnen!“
Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm.