„Du bist krank, Ernst!“ sagte er.

„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank. Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat! Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer, meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich? Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein Mann geworden!“

Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte.

Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte.

Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe waren es, daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an. In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll.

Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“

Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht mehr ungeschehen machen konnte.

„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater.

Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand.

„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu sprechen, wie ich’s getan habe.“