Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.

Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.

„Kommst du nicht?“ sagte sie.

„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“

Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in den Korridor.

Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.

„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.

„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.

Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem ausgewichen war, er dachte nur noch an eins — daß sie ihn nicht vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie brauchte.