Seine Miene ward düster, als er antwortete:
„Was?“
Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin — einer Freundin, die Ernsts Schwester war — allein in einer kleinen abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben, der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.
Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.
Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab, fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“
Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat. Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und klare Antwort. Ja oder nein.
Er schwieg und blickte vor sich nieder.
„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos.
Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an sie gerichtet.