„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s — ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“
Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie allein.
Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht, daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie eine Heldentat vollbracht.
Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam, fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen treten; und dann — ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?
Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt, entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein bißchen besser zu sehen.
Neunzehntes Kapitel
A
Als Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten.
Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen, wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen. Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte, traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt.