Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters. Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von Scherzen und Anspielungen.

Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie, die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete, sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte.

In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche zufluteten.

Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben einfacheren aus Eiche und Weichselholz — alles sah so neu aus, voll Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte, kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unterhielten sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche.

Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der unser aller Vater ist.

Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen, die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in Berührung zu kommen.

Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen, und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.

Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch die hohe Wölbung klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten Ecke des großen Domes zu verstehen.

Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor, wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später, in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor vorging.