Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“

Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte, über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten hatte. Im Gegenteil — schon damals war dem Bischof der Gedanke gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die jungen Leute, die das schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten. Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte. Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern. Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er dereinst von Petrus forderte.

Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen sollte.

Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“ Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen, durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte. Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer Halluzination — sein ganzer Körper glühte im Fieber.

Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien am Ornat des Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.

Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.

Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten, warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis vor dem Altar standen.

Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die Fenster.

Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel, als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr strahlender Weg sich Bahn brach.

Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.