Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden Sonnenstrahlen.
Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine Phantasie war. Aber die Phantasie war so mächtig in ihm, daß er es sah wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche. Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der Domkirche hereinleuchtete.
Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er, wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!
Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.
Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.
Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden Sonnenstrahlen:
„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“
Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen Puff in die Seite aufgerüttelt.
Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel vorzusprechen.