Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis, hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.

Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.

Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.

Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken, die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.

Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt für Schritt mit ihm gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.

Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die Tränen zurückzuhalten.

Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.

Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander; alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2 Uhr wartete daheim das Mittagessen.

Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf einem Stuhl hinter der Tür.

Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war ein Zimmer, und er wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster lag.