Es war ihm so seltsam zumut — so einsam. Es war das erste Mal, daß er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an sein eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von dem er nicht mehr zurück konnte.

So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.

Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht hervorzurufen.

Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.

Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah, wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte. Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.

Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt hatte, so alltäglich, so trocken.

Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte sich, es wäre alles so, wie es sein sollte. Sie wußte ja, hätte der Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ ihn ohne eine Frage gehen.

Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche machen.

Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa anzutreten.

Zwanzigstes Kapitel