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Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten, Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.

Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.

Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.

Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine Karriere in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen verknüpften.

Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte. Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau stellte, entsprach, und da sie vor allem — dank der zurückgegangenen Verlobung — aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort erhielt.

Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen. Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß, daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas geführt hat?

Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert, sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche Persönlichkeit begünstige.

Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.

Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen, arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld, das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune, die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.