Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten, die Jahre und die Einsamkeit.
Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.
Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war, hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“ ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war, schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm vorgegangen war.
Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte. Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren, gaben sie eine kleine Gesellschaft — lauter junges Volk. Frau Hallin hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.
Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da — auf Selmas ganz besonderen Wunsch.
Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden, ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.
Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn nicht interessiert.
Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an, daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht länger schweigen durfte.
„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg, der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des Herrn weiht.“