Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord, noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden. Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor, in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel Tausende von neuen Lesern gewinnen.
(Neue Zürcher Zeitung)
Frauenmacht
Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.
Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden mit seinen Schären und das Meer — steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk, durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu werden.
(Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)
Wald und See
Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen, tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen, was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur. Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam, dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.
(Die Zeit, Wien)
Karin Brandts Traum