„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß bebte. „Ich möchte es zum mindesten glauben.“

„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na — ich nicht!“

Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die ungeduldig ausgestreckt wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches, wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge, Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“

Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele — nach all dem Gebet und Choralsingen!

Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die inzwischen gekommen waren.

Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten. Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären. Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab, mußte er wohl oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz, daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend: „Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte, welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war, und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.

Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte. Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen. Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte, daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.

Dennoch — er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter, lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am Kachelofen. „Daß er sich auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“

„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.

„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt! Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“ lautete die Antwort.