Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein zurück.
Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin, der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.
Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen, und gab dazu eine auf Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn begann und mit der Geldheirat schloß.
Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld gehabt hätte?“
Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“
Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein sein wollte.
Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer mit ansehen zu müssen!“
Siebentes Kapitel
D
Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages. Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.