Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die Kognakflasche und Gläser zu holen.

Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große, etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten, die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?

Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er — auf dem besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.

Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie, ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen forschte.

„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.

„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist. Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab auch meine Arbeit — drunten in der Küche und mit euren zerrissenen Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat. Das war gerade vor Weihnachten.“

Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na, ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle. Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden Augenblick bersten vor Fett!“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum Besten dienen.“

Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht gehört zu haben.

Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen hin.

„Nein, Junge — zwei Kognaks zum Kaffee — das gibt’s nicht vor Maturitas!“ lachte der Adjunkt.