Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige Miene auf.

„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants Stelle sein“, bemerkte er.

Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als Geistlicher ins Leben hinaustrat!

Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten, mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er — er brauchte doch gerade jetzt einen Menschen! Einfach einen ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.

Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“

Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte, hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt, daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!

Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen, daß er sich hatte ertappen lassen.

„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen müde.“

„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit neugieriger Miene.