„Ich denke, du bist müde!“
„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“
Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es jetzt wiedersah.
„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er.
Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.
Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn verlassen hatte. Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz vor dem Haus deutlich sehen konnte.
Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.
Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider, brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.
Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins Gedächtnis zu rufen. Die Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel. Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des Frühlings.
Des Frühlings!