Einsam war er gewesen — immer — seine ganze Jugend lang! Mit ein paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen. Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.
Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam und in seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“
Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie sie sich paarten und Nester bauten.
Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper hin und her schwang.
Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast, als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen? Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und jetzt saß er da — als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten. Durfte er sich „bereit“ nennen?
Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“
Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein leichter Rauch aufstieg.
„Darf ich hereinkommen?“ fragte er.
Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte, und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“