Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.

Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die Szene sei recht gut arrangiert — die Gardine aufgezogen, damit man die Kirche sehen konnte — und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten! Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.

Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz; aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte, daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack von Kindischem hat. Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren gewöhnlichen Platz zurück.

„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du, auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“

Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“

Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz zu dir kommen.“

Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.

Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach, ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war. Und er beschloß, diese Entdeckung bei Gelegenheit auch seinen besten Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der Geistlicher war.

Achtes Kapitel

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