Frau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen.
„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz in Ernst gestellt.
Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden. Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf bedacht, daß die Quelle nicht versiegte.
Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber, wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche Bundesgenossen daheim hätten, wie sie, würde der Streit ihnen leichter werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte, auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren hat, sein Werk zu fördern!
Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht, daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof ein Diener des Geistes war.
Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah. Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht.
Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer, jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat, wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café.
Frau Hallin machte große Augen.
In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café?