Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre. Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt.
Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson.
Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen. Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.
Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, — leicht möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen gegeben hätte, daß junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.
Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig verstehen könne.
Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“
Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht.
„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“
Selma ward ganz rot vor Eifer.