„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch wirklich ein recht gewöhnlicher!“
Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen.
Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte:
„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“
Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur dasaß und andächtig lauschte.
Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige Opposition aussah. Und Opposition — das konnte der Pastor nicht vertragen.
Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben. Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt. Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar nicht vorsichtig genug sein.
Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne überhaupt von selber auf die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum.
Eines Nachmittags aber — um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich — läutete es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde, nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus: einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen, und so hätten sie das Reich für sich.