Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange weg!“ fügte sie hinzu.

Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes, daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des Zweifels Herr geworden sein...?

„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu.

Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf und fuhr sich mit einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand.

„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie geht’s dir denn?“

Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe.

Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann eher fragen, wie es dir geht?“

In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck.

„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“

Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß. Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her; ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen zurückhalten.