Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck, in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts, sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen, um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu ziehen.

„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor.

„Ich dachte, du wolltest was von mir. — Es ist lang her, seit wir uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht antwortete.

Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann aber plötzlich wieder ernst.

„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“

Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht, worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt nicht mehr?“

Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte der Pastor Wert.

Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah aus, als amüsiere er sich.

„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen.

Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem Augenblick, in dem sie sich beide — jeder nach seiner Seite hin — entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte. Auch wenn sie beide allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den Sinn gekommen — aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich, ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich — Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete —, der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein.