Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.

Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.

Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär — eben Ernst Hallin — und im übrigen einen Kosttisch für Studenten hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte, für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.

Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.

Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die „akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.

Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig, friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.

Und er hatte studiert. Wie friedlich und wohltuend waren nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben, Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren, der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand, gelesen.

Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen, desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er zurecht mit seinen Zweifeln.

Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran, daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können, wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.