Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war diese Zeit gleichsam vergessen — verschwunden. Jetzt ward er von unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten Erscheinungen und beunruhigten ihn.
Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.
Fertig!
Ja, er wußte ja, daß er fertig werden mußte. Der Vater hatte es ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu unterhalten.
Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.
Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.
Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts. Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht wie er hier herumlief — um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.
So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er könne gar nicht durchfallen.
Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den Schaukelstuhl.
Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.