Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.

Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige Fähigkeit — das Gedächtnis — bis aufs äußerste anstrengen, während die andern alle ruhten — das wars, was ihm einen Knacks gegeben hatte! Aber er wußte — er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft, stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut die Worte des Kollegs dazu murmelte.

Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten. Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte, bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den Seinen sein würde.

Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden, der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte, wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen, auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen Finger aufhörten.

Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und sah, daß es fast halb Zwei war.

Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben — bis zum Mittagessen.

Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.

Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte. Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf, daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre. Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.

So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls, wenn er über eine unebene Diele ging.