Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins Zimmertür.
„Es ist angerichtet.“
Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend, während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.
Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie, einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich gesinnt waren.
Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen zu entscheiden. Mit einem Wort — er war die Seele der Gesellschaft gewesen.
Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.
Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den Kaffee zu nehmen.
Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete, entgegenschlug.
Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt, und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets. Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu riechen.
Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.