Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.
Hier waren seine Gedanken am freiesten.
Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.
Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe und studierte.
Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger, als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich zu rauchen pflegte.
In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.
Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue „Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, — er hielt es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden Lampe saß und auf ihn wartete.
Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter nie hatte reden können!
An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden Seele von Nutzen sein durfte.