Ernst mußte lachen, als er daran dachte. Aber das Lachen verging ihm rasch.
„Er ist kein ehrlicher Mensch!“ dachte er. Aber im selben Augenblick errötete er über seinen Argwohn.
Es gärte und kochte in ihm, als wäre sein ganzes Innere in Aufruhr. Er riß das Fenster auf und atmete die frische Luft ein. Es war dunkel draußen. Aber schön war es. Erquickung für die kranken Lungen, die sich von verdorbener Luft erholten. Er zog, noch immer unschlüssig, die Uhr. Es war kaum Zehn. Durchs Fenster strömte die kühle Luft.
Mit einem hastigen Entschluß hüllte er sich in den Überzieher und zündete sich eine Zigarre an. Dann steckte er eine Streichholzschachtel zu sich, löschte das Licht und schlich mit leisen Schritten die Treppe hinab, hinaus auf die Straße.
Zehntes Kapitel
A
Adjunkt Hallin schlug den Weg zum Ratskeller nach der Unterredung mit seiner Frau keineswegs so fröhlich ein, wie er vor kurzem noch von seinem Bruder nach Hause gekommen war. Seine heitere Laune war ganz weg; und er ging eigentlich bloß, weil er nicht gern umkehren mochte. Wäre nicht Pastor Simonson daheim gewesen — er wäre wahrhaftig zu Hause geblieben. Aber so schämte er sich, einen Fremden zum Zeugen seiner Niederlage werden zu lassen.
Die Luft war schwer und kalt. Grau und wolkig hing der Himmel über der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er, wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat.
Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab, daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann in seinem grauen Kittel und der Mütze langsam die Leiter emporklimmen und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen.