Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing.
Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser warf.
Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug. Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht schnüffelte.
„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“
„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt. „Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“
Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer, der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr ausdrucksvoll.
„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er.
Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die zwischen Verschämtheit und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er: „Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt du — meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“
Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, — das war eine Freude für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht, es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen, die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz — es war so gut wie sicher.
Und jedesmal war es ein Mädchen.