Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als blende ihn der allzu grelle Lichtschein.
Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man fragte ihn, was er trinken wolle.
„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“
Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.
Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.
Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und lächelte — ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie aussahen. Als hätte die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr Antlitz bespült — viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen, erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!
Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.
Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder andere, trotzdem er so jung war?
Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:
„Stand bei der Ecke am Tore